Amok!

Mit Clemens Dönicke und Dietmar Nieder | Regie: Jan-Christoph Gockel | Bühne und Kostüme: Julia Kurzweg | Video: Florian Rzepkowski | Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke | Fotos: Isabel Machado Rios | Premiere: 03.04.2011 |



Bei Jean-Claude Romand beginnt alles ganz harmlos. Eine versäumte Medizin-Klausur, eine kleine Lüge, die größere nach sich zieht und aus dem Fertiggerichte-fressenden Studenten Jean-Claude wird ein höchst angesehener Mediziner bei der WHO mit Familie, dickem SUV und standesgemäßem Haus. Alles – nur nicht Mittelmaß. Doch statt im Büro zu arbeiten, verbringt er seine Zeit im Wald oder im Flughafenhotel vor der Glotze. Er entwickelt 17 Jahre lang ein perfektes Scheinleben, bis der Bluff aufzufliegen droht und Romand seine Frau, seine Kinder und Eltern tötet. Sein halbherziger Selbstmordversuch misslingt und Romand versucht vor Gericht als reumütiger Christ in die nächste Rolle zu schlüpfen.

Die Abgründigkeit dieser Geschichte scheint von Dostojewski zu stammen und doch hat sie sich 1993 in einem kleinen französischen Ort an der Schweizer Grenze zugetragen. Über sechs Jahre befasste sich der französische Erfolgsautor Emmanuel Carrère mit Jean-Claude Romand. AMOK! ist nicht nur ein Abend über das erbärmliche Gefangensein eines Hochstaplers in seiner selbstauferlegten Rolle, sondern auch über die erschreckende Faszination des Autors von dem Objekt seiner Dokumentation.

Die mit der Dramaturgin Patricia Nickel-Dönicke erarbeitete Produktion kam am Theater Osnabrück zur Premiere, zog dann nach Heidelberg um und wird seit 2017 am Theater Oberhausen gezeigt.

Weitere Termine folgen.

 

"Gockel spielt dermaßen geschickt mit der Theaterrealität, dass man beim Zuschauen schwindlig zu werden meint."
Nachtkritik.de, Heiko Ostendorf, 03.04.2011

"Gockels Inszenierung lebt von der Balance zwischen Ernst und Komik, die nie unangebracht erscheint, da er schließlich nur die Absurdität der Wirklichkeit freilegt. Und das ist virtuose Theaterkunst, die durchaus mehr als nur sehenswert ist."
Nachtkritik.de, Heiko Ostendorf, 03.04.2011

"Am Ende sind zwar alle Fragen offen, aber sie lugen fordernd deutlich durch die erfrischende Performance. Wie kumpelhaft auf Augenhöhe mit dem Publikum agiert und wie unaufgeregt uneitel zwischen Spiel, Erzählung sowie dem Reflektieren der Theatersituation und -mittel hin und her gesprungen wird – das beeindruckt. Gockels Theater muss nicht müssen. Es guckt mal was geht. Und es geht sehr viel. Hier entwickelt einer entspannt seine Regiehandschrift, charmant in ihrer hinterhältigen Beiläufigkeit."
Die deutsche Bühne, 03.04.2011

Hintergrund

Ein Brief von Emmanuel Carrére an Jean-Claude Romand

Sehr geehrter Herr Romand, ich hoffe nicht, dass Sie mein Angebot als Beleidung auffassen…. ich bin Schriftsteller, der Autor von sieben Büchern. Seit ich von ihrem Fall in den Zeitungen gelesen habe, verfolgt mich die Tragödie, die Sie ins Rollen gebracht haben und deren einziger Überlebender Sie sind. Ich würde gerne versuchen, zu verstehen, was damals geschehen ist und ein Buch darüber schreiben … ich schreibe Ihnen nicht aufgrund ungesunder Neugierde oder einer Vorliebe für Sensationen. Was Sie getan haben, ist – in meinen Augen – nicht die Tat eines herkömmlichen Kriminellen, oder die eines Verrückten, sondern die Tat von jemandem, der von überwältigenden Kräften über die Grenzen gestoßen wurde. Über diese fürchterlichen Kräfte würde ich gerne schreiben.  Emmanuel Carrère

Auszug aus dem Roman „Amok“, Emmanuel Carrère

Am Morgen des 9. Januars, einem Samstag, als Jean-Claude Romand seine Frau und Kinder ermordete, nahm ich mit meiner Frau und unserem ältesten Sohn Gabriel an einem Eltern-Schüler-Gespräch teil. Er war fünf, gleich alt wie Antoine Romand. Danach gingen wir mit meinen Eltern essen – genauso wie Jean-Claude Romand, der seine Eltern nach dem Essen tötete.

Aus „Prinzip Lüge“, Wolfgang Engler, Soziologe

Menschen sind nicht nur Meister darin, ihr Gegenüber hinters Licht zu führen, sie machen von ihrem Talent auch regelmäßig Gebrauch. Es gibt kaum jemanden, der nicht hin und wieder trickst oder anschwindelt, flunkert oder schummelt. Das betrügerische Repertoire ist gewaltig: Es reicht von einfacher Maskerade wie falschen Wimpern bis zur Schönheitsoperation, die Jugend vorgaukelt: von der Schummelei in der Schule bis zum bösartigen Betrug, der andere ruiniert. Manche Psychologen schätzen, dass wir im Durchschnitt rund 200 Mal am Tag lügen. Außerdem stellten Wissenschafter fest, dass wir ein scheinbar paradoxes Verhalten entwickelt haben. Denn wir verfügen – neben der Sprache – über ein weiteres Hilfsmittel, das unsere Betrügereien überaus glaubhaft macht: die Selbsttäuschung. Häufig sind wir fest davon überzeugt, die Wahrheit zu sagen, obwohl wir eigentlich lügen. Nicht selten verdrehen wir nach einem selbst verschuldeten Fehler die Ereignisse und glauben schließlich selbst an unsere Unschuld. Oder wir legen uns eine geschönte Wahrheit zurecht, wiederholen sie so lange, bis wir am Ende davon überzeugt sind.

Im Aufdecken einer Täuschung sind Menschen nicht besonders gut. Wie Statistiken belegen, erkennen wir nur etwa jede zweite Lüge. Selbst professionell geschulte Beobachter wie Verhörspezialisten bei der Polizei oder Psychiater kommen nur auf eine Quote von durchschnittlich 54%.