Orestie

Mit Altine Emini, Torsten Flassig, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Michael Pietsch, Christoph Pütthoff, Samuel Simon und Andreas Vögler | Regie: Jan-Christoph Gockel | Bühne: Julia Kurzweg | Kostüme: Amit Epstein | Puppenbau: Michael Pietsch | Musik: Matthias Grübel | Dramaturgie: Marion Tiedtke | Fotos: Thomas Aurin | Premiere: 22.02.2020



„Ich bitte um eine Änderung, um ein Ende dieser Geschichte, um ein Ende meiner Mühen, um ein Ende meines jahrelangen Dienstes, in dem ich all das sah…“
Aischylos, DIE ORESTIE

Orest flieht und kann doch nicht entkommen: Die Spirale der Gewalt durchzieht das Leben aller – sein Vater hat für den Sieg der Griechen über Troja die Tochter Iphigenie geopfert, seine Mutter hat dafür den Vater ermordet, Orest wiederum seine Mutter getötet und wird gejagt von den Erinnyen, die diesen Muttermord gesühnt sehen wollen. Doch wie entkommen, wenn sich Rache auf Rache türmt, wenn aus der einen Schuld die nächste folgt, weil ohne Verschulden kein Handeln möglich ist? In archaischen und mythologischen Bildern beschreibt Aischylos den unaufhörlichen, grausamen Kreislauf des Leidens.

Wir erzählen Geschichte als ewige Wiederholung. Als Loop. Muss jede Generation die immer gleichen Fehler begehen? Müssen die gleichen Errungenschaften immer wieder erkämpft werden? Immer wieder tötet Orest seine Mutter… die seinen Vater getötet hat… der seine Tochter getötet hat… und immer wieder wird Orest von den Erinnyen gejagt.

„Solange die Europäer ihre Schuld nicht auf sich nehmen, kann sich die Geschichte nicht zum Guten hin ändern, ist die Moral von der Geschicht‘. Moral auf der Bühne ist eine schwierige Sache, aber Gockel hat für seine Kritik eine ästhetische Entsprechung gefunden. Und er spricht für die Generation, deren Kinder miterleben könnten, wie sich die Welt durch Klimakatastrophen und Unterdrückung anderer Völker total umwälzt. Seine spielerische Herangehensweise hat sich Gockel beibehalten, und er hat in einem schweren Stoff neue Bilder gefunden für seine Interpretation.
Nachtkritik.de, 23. Februar 2020

Michael Pietsch findet “mit seinen Marmor-ähnlichen Figuren, die mit den individuellen Gesichtern der Schauspieler zu starken Playern aufgewertet werden, zeitgleich eine behutsame und doch klare Sprache für die Offenlegung der historischen Dimensionen.“
Frankfurter Neue Presse, 24. Februar 2020

Jan-Christoph Gockel und sein Team haben den antiken Text in seiner Tragweite ernst genommen und eine aufregende Bild- und Klangwelt für ihn gefunden. Die vielen Interpolationen, die An-, Aus- und Umdeutungen geben gewiss kein homogenes Bild, fügen sich aber auf der Bedeutungsebene stringent zusammen. Die Geschmeidigkeit und Vielfalt des Soundtracks von Matthias Grübel, der klare Raum von Julia Kurzweg, die sinnlichen, dem Leben abgelauschten und doch eleganten Kostüme von Amit Epstein schwingen zusammen und folgen der Inszenierungsidee. Der nuancierte, unangestrengte Umgang mit der Sprache prägt sich ein und wirkt nach wie viele überraschende Details, von denen keines überflüssig daher kommt.
Die deutsche Bühne, 22. Februar 2020

"Fürs große Frankfurter Schauspielhaus hat nun Jan-Christoph Gockel […] das Stück als Multimediainszenierung zubereitet – teils tief berührend, teils hochinteressant […].Schauspiel, Puppenspiel, Hörspiel, filmisch übertragene Großbildszenen aus dem Hades unter dem Bühnenboden, musikalische Atmosphärenzeichnung und akustisch brachiales Wirkungsgedonner: Jan-Christoph Gockel greift für seine Inszenierung in die Vollen, bleibt seiner Neigung zu mal klug erhellenden Effekten, mal verspielt überschäumender Effekthuberei treu. […] Aber langweilig wird einem kaum, denn sinnlos oder gar dumm ist nichts davon."
Rhein-Zeitung, 24. Februar 2020

"Immer wieder blitzt feiner Humor auf, doch komödiantische Passagen enden niemals im Klamauk. (…) Die Puppen spielen im Drama mit, zum Leben erweckt durch den Chor oder durch einzelne Schauspieler. So entstehen immer wieder anrührende und poetische Momente (...)."
SWR2 Kultur aktuell, 24. Februar 2020

Hintergrund

Aus DER ACHTZEHNTE BRUMAIRE DES LOUIS BONPARTE, KARL MARX

Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.

Aus THE ROAD, Cormac McCarthy

On the hillsides old crops dead and flattened. The barren ridgeline trees raw and black in the rain. And the dreams so rich in color. How else would death call you? Waking in the cold dawn it all turned to ash instantly. Like certain ancient frescoes entombed for centuries suddenly exposed to the day.

Zu ORESTIE, Heiner Müller

DIE ORESTIE ist seit Peter Steins Moskauer Inszenierung „die Geburt der Demokratie“. Es ist äußerst interessant, was verdrängt werden muss, um auf diese Formel zu kommen. Zum Beispiel dieser unvorstellbare Mord an Iphigenie … die einzige Hoffnung und Chance für Europe ist eine Allianz der Schuldigen. Es gibt keine Unschuldigen. Und erst wenn die Schuldigen sich alliieren und sich gemeinsam zu ihrer Schuld bekennen und die Schuld teilen, gibt es eine Möglichkeit.