Frankenstein



Mit Anton BermanAlfredo Canavate, Gianni La Rocca, Bruce Ellison, Thomas Halle / Gustav Koenigs, Léone François, Michael Pietsch / Laurenz Leky | Regie: Jan-Christoph Gockel | Bühne: Julia Kurzweg | Kostüme: Emilie Jones | Puppenbau: Michael Pietsch | Musik: Anton Berman | Dramaturgie: Cécile Michel | Fotos: Hubert Amiel | Premiere: 07.03.2018 |

„Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.“
Heiner Müller

Mary Shelleys FRANKENSTEIN erzählt die Geschichte des gleichnamigen Schweizer Wissenschaftlers, dem es gelingt, Totes zum Leben zu erwecken: einen künstlichen Menschen zu erschaffen – ein namenloses Monster. Dieses Monster steht in Form einer sieben Meter großen Marionette im Zentrum des Abends. Es entsteht in jeder Vorstellung immer wieder neu, wird vom Ensemble zusammengesetzt: Es besteht aus Erinnerungen.

Während der Vorbereitungszeit haben wir Menschen aus Frankreich, Belgien und Deutschland eingeladen, uns Gegenstände von Verstorbenen mitzubringen. Wir haben sie gebeten, uns die Geschichten der Gegenstände und der Menschen, denen sie gehört haben, zu erzählen. Aus diesen Erzählungen  – berührende Erinnerungen, persönliche Abgründe und dunkle Passagen europäischer Geschichte – wird das Monster geboren. Aus den persönlichen Gegenständen wird diese „Über-Marionette“ gebaut, die so mächtig ist, dass sie mindestens von fünf Schauspieler*innen kontrolliert werden muss. FRANKENSTEIN wird als eine europäische Geschichte und Reise durch Europa erzählt: in drei Sprachen, gemeinsam mit einem internationalen Ensemble.

Neue Termine folgen.

 

"La rappresentazione lascia attoniti gli spettatori, catturati dalla genialità di quello che vedono e dalla bravura di chi ha costruito la macchina meravigliosa che è questo spettacolo, in primis il regista Jan-Christoph Gockel e il fantastico creatore delle marionette Michael Pietsch." Fattitaliani, 8.3.2018

"Frankenstein au Théâtre National, un laboratoire émotionnel magique qui s’érige peut être déjà en spectacle de l’année! Alors si vous ne devez aller voir qu’un seul spectacle cette année au théâtre, Frankenstein est pour vous incontournable. Plus qu’un spectacle théâtral, c’est un véritable expérience de vie !"
Branchesculture.com, 10.3.2018

"Michael Pietsch le créateur de marionnettes est <géant>."
RTBF.be, 13.03.2018

"En voilà un sacré challenge, une idée et un concept original. Si vous ne connaissez pas l’univers de la compagnie, nous ne pouvons que vous conseiller de le découvrir."
Lesuricate.org, 13.03.2018

Hintergrund

Aus FRANKENSTEIN, nach Alexander Kluge

Der Mensch ist kein System. Verstehen formt sich nicht in Tabellen oder durch die Aneinanderreihung von möglichst vielen Zahlen, sondern wie eh und je durch Geschichten, Erzählungen. Im Gegensatz zur eindimensionalen Information ergänzt die Erzählung diese um eine „übrige Zeit“, um eine „Grammatik der Erfahrung“, in der sich Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und auch Wünsche bündeln lassen.
Es geht nicht um metaphysisch abstrakte Innenwelten, sondern um Erfahrungen, die man konkret in Stein gebaut wiedererkennen kann. Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht. Alle Lebensläufe, Gegenstände, Objekte gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift. Nie leben diese Objekte, diese Gegenstände oder Lebensläufe allein. Sie existieren in Gruppen, Generationen, Staaten, Netzwerken. Lebensläufe sind mehr denn je die Gefäße aller Erfahrungen aus der Welt.

Aus ZEMENTHeiner Müller

Prometheus, der den Menschen den Blitz ausgeliefert hatte, wurde wegen seiner Tat im Auftrag der Götter an den Kaukasus befestigt, wo ein hundsköpfiger Adler täglich von seiner immer wachsenden Leber aß. Der Adler, der ihn für eine teilweise essbare Gesteinspartie hielt, entleerte sich über ihn. Der Kot war seine Nahrung. Er gab ihn, verwandelt in eigenen Kot, an den Stein unter sich weiter, sodass, als nach dreitausend Jahren Herakles, sein Befreier das menschenleere Gebirge erstieg, er den Gefesselten zwar schon aus großer Entfernung ausmachen konnte, weißschimmernd von Vogelkot, aber, zurückgeworfen immer wieder von der Mauer aus Gestank, weitere dreitausend Jahre lang das Massiv umkreiste, während der Hundsköpfige weiter die Leber des Gefesselten aß.

Endlich tötete Herakles den Adler. Prometheus weinte laut um den Vogel, seinen einzigen Gefährten in dreitausend Jahren. Er wusste wohl, dass der Adler seiner letzte Verbindung zu den Göttern gewesen war, seine täglichen Schnabelhiebe ihr Gedächtnis an ihn. Er beschimpfte seinen Befreier als Mörder und versuchte ihm ins Gesicht zu spein. Leicht hätte sich Prometheus selbst befreien können, aber, dass er die Freiheit mehr gefürchtet hat als den Vogel, zeigt sein Verhalten bei der Befreiung.